Der Eurovision Song Contest schafft es immer wieder, in die Schlagzeilen zu geraten. Mal landet Deutschland einen riesigen Flop, dann wiederum jagt ein von Stefan Raab gecoachtes Mädchen durch die Decke. Zuvor sorgte Stefan Raab selbst im Glitzerkostüm für Furore, nebst einem gewissen Guildo Horn und einer Drag-Queen namens Conchita Wurst. Dann gewinnt eine nordische Gruselband mit einem Lied, das keine Musik zu sein scheint, und lesbische Sängerinnen knutschen, was das Zeug hält. Schließlich nimmt dann auch noch Australien am „europäischen“ Liederwettbewerb teil. Was ist da nur los? 

Der Fall Australien und Israel

Seit 2015 ist Australien Teil des Eurovision Song Contests. Dabei könnte es wohl kein anderes Land geben, das von Europa weiter entfernt liegt als der Känguruh-Kontinent. Doch die Australier sind ganz angetan von dem TV-Spektakel und sitzen früh morgens im Pyjama vereint im Wohnzimmer, um mitzufiebern. Das geht schon seit Jahren und Jahrzehnten so. Einen plausiblen Grund für diese Faszination in Down Under gibt es nicht – es könnte allenfalls damit zusammenhängen, dass viele Australier europäische Vorfahren haben und dass schon einige Australier für ihre europäischen Zweit-Heimaten antraten. Das erste Mal wurde der ESC dort im Jahr 1974 übertragen, als sich die britisch-australische Olivia Newton-John bis auf Platz 4 sang. Auch der irisch-australische Johnny Logan nahm mehrmals am Wettbewerb teil. Zur Feier des 60. ESC-Jubiläums gewährte man Australien schließlich selbst die Teilnahme. Doch aus der ursprünglich „einmaligen Sache“ wurde es bislang eine dreimalige Sache  – dieses Jahr setzt sich der süße 17-jährige Isaiah 20 Stunden lang in den Flieger, um seinen Traum zu verwirklichen1.

Auch Isreals Teilnahme lässt so manch einen Europäer immer wieder staunen. Das Land hat seit 1973 bereits 39 Mal am Grand Prix teilgenommen und immerhin drei Siege eingeheimst. Dies ist möglich, da Israel Teil der Europäischen Rundfunkunion ist, die den Liederwettbewerb 1956 ins Leben rief. Diese Union ist ein Zusammenschluss von 73 Rundfunkanstalten aus insgesamt 56 Staaten aus Europa, Nordafrika und Vorderasian. So gehören z.B. auch Marokko, Tunesien und Ägypten dazu und tragen damit ein grundsätzliches Anrecht, beim Eurovision Song Contest mitzumachen. Australien wähnt sich immerhin als ein assoziiertes Mitglied der Europäischen Rundfunkunion. Die wiederholte Teilnahme Australiens ist jedoch vielmehr als ein Symbol für die Inklusion, die Einheit der globalisierten Welt und die Nichtigkeit von Ländergrenzen und Entfernungen zu sehen.

Was ist eigentlich Europa?

Man könnte meinen, Europa sei ein fest definiertes Gebiet, doch es erfindet sich aus geographischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht immer wieder neu. Das „Herz Europas“ sind die ehemaligen EWG-Staaten Deutschland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich und Italien. Die 1957 gegründete EWG erweiterte sich schon bald um Großbritannien, Irland, Dänemark, Griechenland, Spanien und Portugal. 1993 wurde die Europäische Union gegründet, die nach mehreren Erweiterungen Richtung Norden und Osten aktuell 28 Mitgliedsstaaten zählt. Die Türkei würde sich gerne dazuzählen und Großbritannien stimmte erst kürzlich darüber ab, aus der EU auszutreten. Den EURO als Währungseinheit nutzen wiederum die 19 Mitglieder der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Europa im geographischen Sinn reicht bis nach Istanbul, an das Nordufer des Kaspischen Meeres und das Uralgebirge in Russland heran. Sie sehen also, dass der Begriff „Europa“ ziemlich dynamisch und vielseitig ist. Auch wenn Australien gemäß keiner dieser Definitionen dazu gehört, fühlt es sich unserem Kontinent ganz nah – wir gewähren den Aussies deshalb den Spaß.

 

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