Ab dem 17. Mai befindet sich die französische Savoir-vivre-Stadt Cannes zusammen mit der gesamten europäischen Filmwelt wieder einmal im Ausnahmezustand. Diesmal sind es allerdings nicht nur die Filme und die gewagten Kleider der Stars, die für Aufmerksamkeit und Furore sorgen. Die Schlagzeilen begannen schon am allerersten Tag mit den erhöhten Sicherheitsstandards, von denen so einige Festivalgäste gar nicht begeistert sind. Wo sich Cannes ansonsten wie ein großer „Spielplatz der Filmbranche“ anfühlte, erweckt es dieses Jahr eher den Anschein eines US-amerikanischen Flughafens nach dem 11. September. Als Reaktion auf das Terrordrama in Nizza im August 2016 und den jüngsten Polizistenbeschuss in Paris machten die Veranstalter Schluss mit lustig: Gut bewaffnete Polizeieinheiten sperren nun den Festivalpalast ab, der Verkehr ist großflächig lahmgelegt und es gibt zigfache Ticketkontrollen, Taschendurchsuchungen, sowie Gänge durch Metalldetektoren –auch für die geladenen Stars in Abendrobe1.


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Netflix, der Kino-Rivale?

Ein weiterer Stimmungskiller zu Beginn des Festivals war die Netflix-Affäre. Seit vielen Jahren sind Netflix-Eigenproduktionen in aller Munde und finden millionenfach Anhänger, die plötzlich das Kino- und Fernsehprogramm weit hinter sich lassen. Dementsprechend waren die Verfechter der traditionellen Leinwandfilme gar nicht glücklich, dass mit Okja und The Meyerowitz Stories zwei Netflixproduktionen um den Hauptpreis, die Palme d’Or, kämpfen. Insgesamt stehen 19 Filme in dem Wettbewerb um die begehrteste Trophäe von Cannes – alle von ihnen sind normalerweise nach der Premiere in den französischen Kinos zu sehen. Nicht so dieses Jahr. Der Jurypräsident Pedro Almodóvar gab schon im Voraus zu bekennen, dass er sich scheuen werde, den Preis einer Netflixproduktion zu verleihen. Daraufhin konterte Jurymitglied Will Smith, dass Netflix durchaus Vorteile habe und unter anderem von seinen Jüngsten heiß geliebt werde. Bei den Premierevorstellungen ernteten beide Filme Buh-Rufe. So oder so wird es das Thema nächstes Jahr nicht mehr geben – die Festival-Veranstalter gaben bereits bekannt, dass sich ab 2018 nur noch Filme mit einem Kinostart für die Palme d’Or-Trophäe qualifizieren werden2.

Nicole Kidman als Königin der Filmfestspiele

Nicole Kidman wird im Juni 50 Jahre alt – in Cannes strahlt sie derzeit mit der mediterranen Sonne um die Wette. Immerhin ist die allround-talentierte Schauspielerin in vier Beiträgen zu sehen. Vor allem Yorgos Lanthimos‘ Thriller The Killing of a Sacred Deer könnte an den Kinokassen große Erfolge verzeichnen. Hierbei spielt Colin Farrell Nicole Kidmans Ehemann Steven, der als Vater zweier Kinder eine seltsam innige Beziehung zu einem 16-jährigen Nachbarsjungen aufbaut. Dieser möchte Steven mit seiner Mutter verkuppeln und hegt einen furchtbaren Plan, als das nicht gelingt. Schnell sieht sich Steven von seinem besten Freund erpresst und seine Familie gerät in Gefahr.

Über Krisen, Wunder und die dunkle Seite von Floridas Familienzauberwelt

Auch andere Filme begeistern mit bildgewaltigen Inhalten und tiefer Dramatik. So behandeln gleich mehrere Streifen dieses Jahr die andauernde Flüchtlingskrise in Europa als zentrales oder untergeordnetes Thema. Der ungarische Beitrag Jupiter’s Moon ist ein düsterer, gesellschaftskritischer, action-geladener und übernatürlicher Fantasy-Streifen über einen Flüchtling aus Syrien, der nach einem Schusswaffenangriff zu schweben beginnt. In Alejandro González Iñárritus Carne y Arena begibt sich der Zuschauer derweil auf eine täuschend echte und erschreckende Reise zur amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Um Hoffnung geht es in Todd Haynes Jugendfilm Wonderstruck. Ben und Rose sind beide gehörlos und wohnen im Abstand von 50 Jahren in Amerika. Sie beide suchen nach einem ganz bestimmten Menschen, um ihr verlorenes Familienglück wiederherzustellen, und begeben sich deshalb auf die Suche in New York. Auf eine geheimnisvolle Art und Weise sind die beiden Schicksale miteinander verbunden, was sich gegen Ende des Films immer mehr herauskristallisiert3.

Tief begeistern konnte auch der Film The Florida Project. Hierbei durchlebt die 6-jährige Moonee zusammen mit ihren neuen Freunden eine tolle, spaßige und abenteuerliche Zeit am Rande von Orlandos Disney World, ohne wahrlich zu merken, dass ihre Familie unterhalb der Armutsgrenze lebt und ihre Mutter tagtäglich mit der Situation kämpft. Schauplatz des Geschehens in das Motel Magic Castle Inn, das seine Zeit als Unterkunft für Freizeitpark-Besucher längst hinter sich hat und nun verschuldeten, arbeitslosen und heimatlosen Menschen gegen ein wenig Geld ein Dach über dem Kopf bietet4.

Referenzen
[1] Maria Wiesner: Und keiner tanzt mit Will Smith. 18.05.2017. Online unter http://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/filmfestspiele-in-cannes-praesentieren-glamour-pur-15022433.html (letzter Aufruf: 23.05.2017)
[2] Patrick Ryan: Cannes Film Festival 2017: Who won, who lost in the first week? 21.05.2017. Online unter https://www.usatoday.com/story/life/movies/2017/05/21/winners-losers-cannes-film-festival-2017-first-week/101914974/ (letzter Aufruf: 23.05.2017)
[3] Xan Brooks: Cannes 2017 – the best of week one. 21.05.2017. Online unter https://www.theguardian.com/film/2017/may/21/cannes-2017-film-festival-review-loveless-jupiters-moon-todd-haynes-julianne-moore-michelle-williams (letzter Aufruf: 23.05.2017)
[4] Jordan Hoffman: The Florida Project review – poverty and joy in the shadow of the Magic Kingdom. 22.05.2017. Online unter https://www.theguardian.com/film/2017/may/22/the-florida-project-review-sean-baker-cannes-2017 (letzter Aufruf: 23.05.2017)

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